Eine Abschlussarbeit von begabten, jungen Wilden

Fünf Personen – drei Männer, zwei Frauen – in identischem Outfit: dunkle Trainings – hosen und Jacken, die geometrisch mit fluoreszierenden Streifen abgeklebt sind, Ka- puzen, darunter gelbe T-Shirts und Stoffturnschuhe.(…) eine wilde WOLF-GANG aus Möchtegern-Klonen. Sie leben in der über- schaubaren „Welt der Wolf-Gang“, einer rechteckigen, mit Leuchtstreifen von der Außenwelt abgegrenzten Zone. In einer stürmischen, merkwürdig implodierenden Rapper-Performance schwören sie sich gleich zu Anfang aufeinander und die ge- meinschaftlichen Ideale ein: Leben auf vollen Touren und Messers Schneide, Trost in der Gruppe, wildes Glück und reine Freundschaft.

Es gibt im Leben vieler Menschen eine Zeit, da wollen sie sich nur ungern von den anderen, den Gleichaltrigen unterscheiden. Der Markt macht sich das mit den überall propagierten, den „angesagten“ Trendmarken zunutze. Während bei Erwachsenen eine Skulptur wie Katharina Fritschs „Tischgesellschaft“ – mit der geheimnisvollen Bruderschaft von 32 identischen Männern auf Bänken zu beiden Seiten eines Tisches – als extreme Metapher für Gleichmacherei,Entfremdung, Isoliertheit eher Schaudern erzeugt, suchen viele Jugendliche ihr Glück und ihre Identität in der kuscheligen Geborgenheit der Gruppe. (…)

Doch verharrt auch Lanoyes Gang nicht im vorgeblich idyllischen Zustand jugendli- chen Glücks. Die erste kleine Krise beginnt gleich nach dem Rapper-Ritual, als einer der Wolfangs sich plötzlich irgendwie „anders“ fühlt, nicht mehr ganz so wie „je- dermann“, und sich des Gefühls nicht erwehren kann, er „imitiere“ ständig etwas …(…) Die Situation explodiert. In einem gewalttätigen Ritual wird der Rebell erniedrigt, gequält, getötet. Wie auf den Folterbildern von Abu Greif und sekundenlang in Schröders bekannter Siegerpose posieren die vier übrigge- bliebenen Wolfgangs vor imaginären Kameras auf dem erlegten Ex-Freund. Dazu er- tönt schrill Bruce Springsteens Anti-Hymne „Born in the USA“. Was folgt, ist eine karikierende Beerdigungszeremonie, an deren Ende sich der Tote als gar nicht so tot erweist.

(…) Tom Lanoye hat, wenn man so will, ein postdramatisches Stück geschrieben. (…) Im Studio des Giessener Stadttheaters hat die in Polen geborene Joanna Lewicka den Text eingerichtet und Regie geführt. (…) Die sehr frische, junge Inszenierung mit originellen und amüsanten Momenten, vor allem wenn gerappt oder beerdigt wird, (…) Nur gelegentlich wirkte die Aufführung ein bisschen hyperaktiv, unausgegoren, wie eben eine Abschlussarbeit von begabten, jungen Wilden so ist. Aber vielleicht ist das eine Frage des Alters.

Sabine Heymann
SH