Die Inszenierung von Joanna Lewicka stellt diese Gegenrecherche dar, zeigt aber auch das Vernichten von Akten, das musikalisch und szenisch mit eingearbeitet wird, erst hören wir das Geräusch des Schredders, dann sehen wir die Papierschnipsel aus dem Himmel rieseln, Vorher Details geschwärzten Gerichtsprotokolle, dazu dann Zitate: Das ist Deutschland
Dokumentarisches Theater” trifft es meiner Meinung nach ganz gut (…) In diesem Fall geht es aber nicht um den Vorfall dieser NSU Morde (…) sondern um deren mögliche Hintergründe, um den Versuch der Vertuschung durch offizielle Institutionen und um die investigative Aufklärung durch die Zivilgesellschaft. Hier durch die britische Recherche-Organisation Forensic Architecture (…) dokumentiert darin wird die nachträgliche Recherche, bzw. die staatlich unterbliebene Aufklärung des Mordes an Halit Yozgat. Der 21-jährige Halit Yozgat (…) ist wahrscheinlich im Beisein eines V- Mannes vom Hessischen Verfassungsschutz ermordet worden. (…) jede Menge offene Fragen, bis heute(…) Wie weit war das vom Verfassungsschutz unterwandert und/ oder sogar gesteuert, wie viel Steuergeld ist da geflossen, warum wurden Akten vernichtet und andere unter Verschluss gehalten. (…) Wo verläuft da die Grenze zwischen offenen Fragen, zwischen ungelösten Rätseln und möglichen Verschwörungstheorien. In der neu inszenierten Oper geht es um Halit Yozgat und den V-Mann Andreas Temme, der früher übrigens den Spitznamen “Klein Adolf” trug und der rechten Szene zumindest nahestand, sich aber an nichts erinnern will, kann oder darf. Er habe den Schluss nicht gemerkt, obwohl er in diesem Café in einem Dating-Portal chattete und es vor seiner hochschwangeren Frau verheimlichen wollte. (…) Hochpolitisch der ganze Stoff. (…) Die Inszenierung beinhaltete keine Nachstellung des Mordes, sondern eine Nachstellung der Nachstellung. Forensic Architecture (…) hat 1*1 nachgebaut und minutiös untersucht . Auf der Bühne sehen wir das Bühnenbild gedoppelt, ein Modell im Modell und 7 Sänger (…), die spielen die unterschiedlichen Figuren, immer im Wechsel, mal ist der eine das Opfer, mal die andere der V-Mann, der immer singt “ich habe keine persönliche Erinnerung, keine persönliche Erinnerung habe ich nicht” (…) von Marco Alibrando umsichtig dirigiert. Die Gesangspartien dazu, die sind berichtend, anklagend, auch verzweifelt. (…) Der Gesamteindruck ist ohnehin ziemlich verstörend, aber auch bezwingend, schon wegen des dargestellten Sachverhalts, der immer wieder empört und an die nationalsozialistischen Ursprünge des früheren BND erinnert. Künstlerisch ist der Mordfall ein Wagnis, aber dem man sich wirklich schwer entziehen kann (…) Das Libretto von Daniela Danz ist so sperrig wie adäquat. Die Inszenierung von Joanna Lewicka stellt diese Gegenrecherche dar, zeigt aber auch das Vernichten von Akten, das musikalisch und szenisch mit eingearbeitet wird, erst hören wir das Geräusch des Schredders, dann sehen wir die Papierschnipsel aus dem Himmel rieseln, Vorher Details geschwärzten Gerichtsprotokolle, dazu dann Zitate: Das ist Deutschland und der V-Mann solle so nah wie möglich an der Wahrheit bleiben. Da stellt sich schon ein gewisses Entsetzen ein, aber nicht auf die künstlerische Umsetzung, sondern vielmehr wegen der zugrunde liegenden Fakten. Die sind und bleiben mehr als besorgniserregend. Insofern ist der Mordfall ein eminent politisches Theater.